“Du reist so viel” -Diesen Kommentar habe ich im vergangenen Jahr zahlreiche Male gehört. Und ja, es stimmt, in den letzten zwölf Monaten bin ich viel herumgekommen. Trotzdem ist es für mich immer noch etwas amüsant, wenn ich “die Reiserin” für manche meiner Freunde und Bekannten bin, die nach meinem Schulabschluss in mein Leben getreten sind. Denn bis vor einem Jahr hatte ich noch keinen Fuß außerhalb Europas gesetzt und außer griechischen Inseln gefühlt noch nichts von der Welt gesehen. Doch dann änderte sich mein Leben schlagartig…

Foto 04.06.17, 20 50 44

In Zeiten von Instagram & Co hat gefühlt jedes zweite Mädchen in ihrer Bio “Globetrotter”, “#Explorer” oder “To travel is to live” stehen und fühlt sich dadurch vielleicht mega individuell und inspirierend, obwohl sich ihre bisherigen Reisen auf Bibione und Krk beschränken. Um das Basic Instagirl zu werden, fehlt dann nur noch ein Flatlay-Bild mit Avocadobrot, Café mit Latte Art und einem Weekly Planer mit der Aufschrift #girlboss. Doch wer mich kennt, der weiß, dass ich das alles absolut nicht bin. Ich reagiere allergisch auf Kaffee, bin von Hypes seehr schnell genervt und einen Terminkalender verwende ich höchstens während der ersten Uniwoche im Semester, wenn ich den festen Vorsatz die Illusion habe, mein Chaos dieses Jahr endlich in den Griff zu bekommen.

Im Sommer 2015 verstarb meine geliebte Oma wenige Tage vor meiner mündlichen Matura (Abitur) im 90. Lebensjahr. Meine Oma hatte bis zu ihrem Tod Tür an Tür mit uns gewohnt und ich war quasi mit ihr aufgewachsen. Obwohl ihr Ableben absehbar gewesen war, traf es mich natürlich trotzdem und war der Anstoß für eine Serie von negativen Ereignissen und menschlichen Enttäuschungen in meinem Leben, die kein Ende zu nehmen schien. Ich fühlte mich wie in einem Abwärtsstrudel gefangen, aus dem ich nicht mehr herauskam. Ohne jetzt zu dramatisch werden zu wollen: Ich hatte die bisher mit Abstand härteste Zeit meines Lebens und wusste, dass (s)ich etwas ändern musste. Ich wollte endlich mehr aus meinem Leben machen. Meine Oma hatte in ihrem Testament festgelegt, dass ihr verbliebenes Vermögen gerecht auf ihre acht Enkelkinder aufgeteilt werden sollte. Und da ich für den Sommer 2016 kein Praktikum bekommen hatte, beschloss ich im Juni relativ spontan, stattdessen eine Sprachreise in New York, einem meiner absoluten Traumziele, zu machen.

Natürlich war ich nervös, immerhin würde ich zum ersten Mal alleine in ein fremdes Land, auf einen anderen Kontinent. reisen, und dann noch dazu gleich für drei Wochen. Einige meiner Freunde meinten, dass sie sich das ganze nicht trauen bzw. ihre Eltern es ihnen gar nicht erst erlauben würden. Als mich die Mutter einer Freundin kurz vor meiner Abreise umarmte und sagte, ich solle gut auf mich aufpassen, zweifelte ich meine Entscheidung dann schon an.

Die Anreise war lange, beschwerlich und voller unvorhergesehener Zwischenfälle-doch die darauffolgenden drei Wochen wurden die wahrscheinlich besten meines Lebens. All meine Probleme schienen wie weggeblasen und ich war zum ersten Mal seit langer, langer Zeit wieder wirklich glücklich. Alles schien mir so leicht von der Hand zu gehen und ich gewann unglaublich viel Vertrauen in mich selbst. Ich, das Kind, das schon zu Volksschulzeiten kein Kompliment annehmen konnte und dessen Lehrerin zum Schulschluss meiner Mutter sagte “Ich konnte ihr vieles beibringen, aber beim Selbstbewusstsein habe ich versagt”. Und auch meine Mama attestierte mir bei meiner Rückkehr, dass eine andere Tochter heimgekommen war als die, die sie fortgeschickt hatte. Die Reise war ein zweiter Wendepunkt in meinem Leben, von dem an alles wieder viel besser zu laufen schien und mir erlaubte, meine schwere Zeit endlich hinter mir zu lassen. Diese drei Wochen hatten mir so viel gegeben, was ich seit Jahren gesucht hatte und das viele andere Dinge nicht vollbringen konnten.

IMG_3288
Meine erste alleinige Reise nach New York war ein Wendepunkt in meinem Leben

Deswegen reise ich: Nicht für coole Instagram Bilder oder für Geschichten, mit denen ich meine Bekannten für die nächste Zeit nerven kann. Ich reise für mich selbst, für meine mentale Gesundheit und für Erinnerungen, die mich jeden Tag auf’s Neue zum Lächeln bringen. Mir ist bewusst, dass ich in der mehr als privilegierten Lage bin, diese Möglichkeit überhaupt zu haben. Aber ich lebe meinen Alltag (relativ) bescheiden und habe für mich beschlossen, mein Erspartes und einen Teil meines Erbes in meine Leidenschaft zu stecken. Denn es gibt für mich nichts, das so wertvoll ist wie die Möglichkeit, glücklich zu sein. Gerade dann, wenn man glaubt, diesen Zustand verlernt zu haben.

2017-02-11-17-46-03

Advertisements