In der vierten (bzw. in Deutschland achten) Klasse steht im Geschichtsunterricht zum ersten Mal das Thema Nationalsozialismus auf dem Stundenplan. Lange, intensiv und immer wieder setzt man sich mit dem Thema auseinander, kaut dieselbe Thematik gefühlt 100 Mal durch. Die Frage “Wie konnte so etwas nur passieren?” wird mit Gruppendynamik erklärt und als warnendes Beispiel das Buch “Die Welle” gelesen. Ja, eine Gruppenbewegung, bei der nichts hinterfragt wird war auf alle Fälle ein Mitgrund. Jedoch erachte ich persönlich es als falsch, den gesamten Entstehungsgrund auf diesen Faktor zurückzuführen und den Nationalsozialismus so einseitig zu beleuchten. Und daher möchte ich heute die Geschichte meiner Großmutter mit euch teilen-eine Geschichte, wie sie im Schulunterricht so nicht erzählt wird.

Sudetenland, Nationalsozialismus, Zeitgeschichte Österreich
Hitler Einzug im Sudetenland. Quelle: Alarmy

Bevor ich mit der Geschichte meiner Großmutter beginne, möchte ich noch einmal ganz strikt betonen, dass ich den Nationalsozialismus in KEINERLEI Hinsicht gutheiße und keine der begangenen Gräueltaten abschwächen möchte. Mir ist es nur wichtig, eine andere Perspektive auf diese meist in schwarz-weiß, gut-böse erzählte Epoche zu werfen. Denn das macht für mich eine kritische Auseinandersetzung und Reflexion aus.

So, aber nun folgt nach der langen Einleitung endlich die eigentliche Geschichte. 

Meine Großmutter wurde 1927 in Böhmen im Sudetenland geboren. Falls sich jetzt jemand fragt, was das eigentlich ist: Das Sudetenland war Teil des Habsburgerreiches. Als dieses nach dem ersten Weltkrieg auseinanderfiel, sollte für die einzelnen Teile Österreich-Ungarns das Selbstbestimmungsrecht in Kraft treten. Unter anderem wurde in Kärnten von der Bevölkerung gewählt, ob sie Teil Österreichs bleiben wollten. Auch in Böhmen und Mären hätte grundsätzlich so eine Wahl stattfinden sollen, jedoch gliederte das neuentstandene Tschechien das Gebiet ohne Abstimmung seinem Staatsgebiet ein. Die Menschen in dieser Region, Sudetendeutsche genannt, befanden sich in einer ähnlichen Situation wie die Südtiroler: Sie gehörten fortan gegen ihren Willen plötzlich zu einem Staat mit einer anderen Sprache und Kultur, in dem sie eine Minderheit darstellten. Die Tschechen, die nun das Sagen in ihrem neugegründeten Staat hatten, behandelten das Überbleibsel aus der Kaiserzeit natürlich mit Skepsis und ließen sie spüren, nicht unbedingt erwünscht in ihrem Land zu sein. Zusätzlich besaßen die Sudetendeutschen zumeist deutlich mehr Reichtum, was den Tschechen natürlich auch ein Dorn im Auge war.

Seien wir ehrlich: Wen wundert es da, dass meine Großmutter und ihre Familie froh waren, als sie nach der Annexion durch Nazideutschland endlich wieder Teil “ihres” Landes waren? Die Sudetendeutschen hatten sich klarerweise schon zuvor die Zugehörigkeit zu einem deutschsprachigen Land gewünscht-immerhin teilten sie mit diesen Kultur, Sprache und sahen sich als welche von ihnen.

“Endlich waren wir wieder jemand”

Hat meine Großmutter einmal zu mir gesagt. Die deutschsprachige Bevölkerung in Böhmen hatte in ihrer Heimatregion nun wieder das Sagen, so wie es bis vor 20 Jahren noch gewesen war. Meine Großmutter trat wie alle anderen in den “Bund deutscher Mädchen” ein, wo die Kinder sportlichen Wettkampf betrieben. Das Ziel der Gleichschaltung, dass dieser Verein und sein männlicher Gegenpart, die Hitlerjugend hatten, war natürlich verwerflich und bedenklich. Jedoch muss man bedenken, dass meine Großmutter zu diesem Zeitpunkt noch ein Kind war und das ganze als Spiel und Gemeinschaft empfand. Dinge, die sie zuvor in diesem Rahmen nicht gehabt hatte.

Und ich denke, dass es zu dieser Zeit vielen Deutschen so ergangen ist: Nach dem ersten Weltkrieg wurde die Monarchie abgeschafft und das Land von einem Tag auf den anderen in die Demokratie “geworfen”. Der Prozess der Demokratisierung braucht Zeit und geht nicht so von heute auf morgen. Zahlreiche Beispiele in den ehemaligen europäischen Kolonien in Afrika, Asien und Südamerika haben das immer wieder gezeigt. Das Land war am Boden, hatte einen großen Teil seiner Fläche verloren und hatte mit dauerhaften wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. Auch die Weltwirtschaftskrise 1929 traf Deutschland mit voller Wucht: Menschen bettelten um Arbeit-egal welche.

Unter Hitler schien sich die Situation für die leidgeplagte Bevölkerung stark zu verbessern: Er ließ die Infrastruktur ausbauen, baute Industriewerke und verschaffte so tausenden Menschen feste Anstellungen, die sie so sehr wollten. Heute wissen wir natürlich, dass diese Arbeit, für die die Leute eingestellt wurden, großteils der Vorbereitung für Krieg diente und daher absolut nicht  zu befürworten war. Die Menschen wussten zu dieser Zeit natürlich noch nichts von Hitlers längerfristigen Plan und freuten sich über die Arbeit und den neugewonnenen, höheren Lebensstandard. Später sollten die Nazis ihre Tonart dann ändern und das Land mit dem begonnenen Krieg in die Zerstörung treiben. Doch für die einfachen Bürger, die vom großen Ganzen ihrer Vorhaben nichts wussten, brachten sie für einen kurzen Zeitraum eine Verbesserung der Lebenssituation und ein Selbstbewusstsein, dass das am Boden liegende Land seit der Kaiserzeit nicht mehr gekannt hatte.

Und das ist für mich einer der bzw. DER Grund, weshalb die Menschen Hitler damals folgten. Ich finde es wichtig,eine Vorstellung davon zu haben, wie es den Menschen zu jener Zeit ging-so kann sich man ihre Unterstützung für Hitler besser erklären. Ich kann natürlich nur für meinen Geschichtsunterricht sprechen, aber weder im Unterricht selbst noch im Lehrbuch wurde auf diesen Aspekt eingegangen. Geschichte ist vielschichtig, voller unterschiedlicher Blickwinkel und niemals nur schwarz-weiß. Und gerade in unserer Zeit, die ebenfalls voller politischer Unruhen ist, ist es wichtig, kritisch zu reflektieren und sich in andere Bevölkerungsgruppen und ihre Situation hineinzuversetzen, bevor man Urteile über sie fällt.

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