Ich bin Ingrid, 19, Stadtkind. Ich mag den Lärm, das Leben um mich herum. Ich mag die vielen Möglichkeiten, die sich einem bieten, die exzentrischen Leute. Ich mag Subkulturen und die kreative Künstlerszene. Bei kompletter Stille kann ich nicht schlafen. Ich mag keine Sonntage, weil da die Stadt wie ausgestorben ist. Ich hasse es, auf öffentliche Verkehrsmittel warten zu müssen. Ja, ich bin wahrhaftig ein Stadtkind. 

 

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Ich möchte mit diesem Beitrag nicht das in jedem Fremdsprachen Unterricht dieser Welt unendlich oft durchgekaute Thema “Was ist besser, Stadt- oder Landleben” einmal mehr behandeln, sondern eher auf die teilweise stattfindende Verklärung des Landlebens eingehen. So erzählte mir eine Freundin, die in ihrem Studiengang großteils mit Kollegen, die ursprünglich vom Land kommen, zu tun hat, dass sie des Öfteren-fast geringschätzig-als “Stadtkind” bezeichnet wird. Sie fühle sich teilweise als “verwöhnt” und “wenig Ahnung im Leben habend” herabgestuft. Und von deutschem Gangstarap einmal abgesehen,wird irgendwo sonst das Aufwachsen oder Leben in der Stadt angepriesen und positiv dargestellt? Gerade in Österreich singt man über ländliche Idylle, die Stadt-Wien als Österreichs Wasserkopfes ist hier natürlich der Inbegriff  des Bösen-hingegen kritisch beäugt.

Ich bin eigentlich der Inbegriff eines Stadtmenschen. Geboren wurde ich in Mitten von Linz, einer 200 000 Einwohner Stadt, in deren Zentralraum mehr als 700 000 Menschen leben. Nun bin ich nach Wien gezogen,das mit seinen fast 2 Millionen Bewohnern eine echte Großstadt ist. International wird Wien als β-Weltstadt (nach Bedeutung für Wirtschaft und Politik) klassifiziert. Also habe ich mein ganzes Leben in der Stadt verbracht. Und ich habe in keinster Weise das Gefühl, dadurch etwas verpasst zu haben.

Durch die Stadt hatte ich vielfältige Bildung- und Freizeitmöglichkeiten, die mir ansonsten verwehrt geblieben wären. Ich ging Kinderturnen, Töpfern, Weihnachtsplätzchen backen, spielte mehrere Instrumente, probierte auch Klettern und Kindertanzen aus. Ich weiß das noch immer sehr zu schätzen und denke gerne an diese Aktivitäten zurück.

Und auch Gerüchte, wie dass wir glauben, dass Kühe lila seien, kann ich hier nur dementieren. Ich habe etwas Verwandte auf dem Land, durch die ich natürlich öfters mit Nutztieren in Kontakt kam. Und aus der Stadt hinaus aufs Land zu kommen dauert selten irgendwo länger als eine Viertelstunde- so hat man, von städtischen Parks und Wäldern mal abgesehen, die  Chance, schnell am Wochenende im Grünen zu sein. Ich habe schon viel von der Natur gesehen, kann eine große Zahl an Blumen und anderen Pflanzen beim Namen nennen. Zu generalisieren und Stadtbewohnern “vorzuwerfen”, generell keine Ahnung von allen praktischen Dingen im Alltagsleben oder der Natur zu haben,  ist ca. so, als zu glauben, dass jeder, der am Land wohnt,  in seiner Freizeit den Kuhstall ausmisten muss, nur Holzschuhe  und Trachten trägt und als Selbstversorger in einem Bergdorf mit 20 Einwohnern lebt.

Ein weiterer Punkt, auf den ich noch eingehen möchte, ist der verstärkte Kontakt mit Menschen aus anderen Kulturen oder gesellschaftlichen Gruppen. Ich habe wirklich das Gefühl, dadurch offener geworden zu sein und ein erweitertes Weltbild bekommen zu haben. Wenn man im Alltag vermehrt auf Leute mit einem anderen Hintergrund trifft, dann hilft es einem dabei, einen Einblick und mehr Verständnis für sie und ihre Situation zu erlangen. Zumindest ich selbst würde behaupten, sehr davon profitiert zu haben.

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Wer weiß, vielleicht wird es mich, wenn ich älter bin, einmal aufs Land ziehen. Aber ich muss sagen, dass ich mir das momentan nicht vorstellen könnte. Ich liebe es einfach, dass immer etwas los ist, man sich ohne verurteilt zu werden so kleiden kann wie man will und man so viele verschiedene Möglichkeiten und Perspektiven hat.

Sind unter euch vielleicht auch ein paar “Stadtkinder”? Habt ihr ähnliche Erfahrungen dahingehend gemacht, dass ihr euch vermehrt verurteilt oder abgestempelt fühlt? Schreibt mir eure Gedanken zu dem Thema gern in Form eines Kommentars unter diesen Post. Ansonsten wünsche ich euch noch einen städtischen Tag

Eure Ingrid

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