Hallo meine Lieben!

Heute hatte ich einen schwierigen Abend, an dem ich viel über meine Zukunft nachgedacht habe-sowohl die nahe als auch die ferne. Denn mit dem Juni steht auch die Prüfungsphase an der Uni an, und damit auch Stress, Lernen und wenig Freizeit. Klarerweise erwarte ich diese Zeit nicht unbedingt mit Begeisterung-doch was mich mehr stört als das Lernen sind die damit verbundenen Gefühle: Das Gefühl der Isolation, wenn man aufgrund seiner Lernverpflichtungen seine besten Freunde über Wochen nicht sehen kann. Und das Schuldgefühl, nicht genug gelernt zu haben und die Prüfungen nicht zu bestehen (mit all seinen Konsequenzen). Dieses gesamte Gefühlsspektrum erlebte ich schon am Ende meines ersten Semesters, und klarerweise kam dieses beklemmende Empfinden auch heute wieder, als ich begann, mir einen Überblick über den Stoff meiner Modulprüfung zu machen. 

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Ein zweites Erlebnis, das mich heute über meine Zukunft sinnieren ließ, war ein Gespräch mit meinen Verwandten, die allesamt in der Wirtschaft tätig sind. Wir sprachen darüber, dass das Realgehalt der unter 30-jährigen in den letzten Jahrzehnten um 20% gesunken sei, finanzielle Unabhängigkeit von der Familie und Pensionsfinanzierungen. Natürlich brachte das auch mich zum Nachdenken über meine berufliche Zukunft. Ich studiere ja bekanntermaßen Publizistik-und Kommunikationswissenschaften-eine Studienrichtung, die nicht gerade für ihre hervorragenden Berufsaussichten bekannt ist. Wenn es generell schon so schwer ist, einen Job zu finden, der unbefristet und angemessen bezahlt ist-wie soll das dann erst in meiner Problembranche sein? Und wenn diese Voraussetzungen nicht gegeben wären, könnte ich dann überhaupt glücklich sein?

Hier kam mir eine Unterhaltung mit meinem älteren Bruder in den Sinn, die wir vor einiger Zeit geführt hatten. Darin meinte er, dass er glaube, das Leben sei im Vergleich zu früher schwieriger geworden-trotz unseres Wohlstandes und der vielen Möglichkeiten, die uns offen stehen.

Und wieso das?

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Früher waren die meisten unserer Vorfahren Bauern, Handwerker oder kleine Kaufleute. In Zahlen waren noch um 1850 rund 90% der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig. Wahrscheinlich kein leicht verdientes Brot, und quasi keine Aussichten auf ein großes Vermögen oder gesellschaftlichen Aufstieg. Und dennoch waren diese einfachen Leute nicht weniger glücklich als wir, die Suizidraten in unserer Gesellschaft sind im Laufe der Zeit kontinuierlich nach oben gegangen. Diese Menschen lebten ihr Leben, versorgten sich zum Großteil selbst und verkauften das übriggebliebene Gut, ohne davon reich zu werden oder viel von der Welt sehen zu können. Was aber machte ihr Leben damals “glücklicher”?

Der Unterschied sind die unzähligen und nicht überblickbaren Möglichkeiten, die sich einem nach dem Abschluss der Schule bieten: Lehre, Studium, Kolleg, Arbeiten,.. Und dann stellt sich natürlich auch noch die Frage, in welche Richtung man gehen möchte, womit man einen erheblichen Teil seines restlichen Lebens verbringen will. Diese “Qual der Wahl” hatte man früher nicht. Außerdem reicht es nicht mehr “nur” Bauer oder Verkäuferin zu sein-Nein, man soll Karriere machen, in seiner Firma aufsteigen, sich womöglich auch noch selbstständig machen. Ansonsten wird auf einen heruntergeschaut und man von der Gesellschaft als primitiv, simpel oder doof abgestempelt.

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Und am besten sollen seine Reichtümer und sein Lebensstil für die ganze Welt sichtbar sein, sonst hätte man ja nicht wirklich etwas davon. Teure Autos, Markenkleidung und Architektenhäuser bieten die beste Gelegenheit, um seinen Wohlstand nach außen zu tragen. Doch was bringt einem das, wenn man auf bedeutungslose Besitztümer hinarbeitet? Im Endeffekt doch gar nichts. Doch es wird uns schon früh vermittelt, dass wir mehr wollen sollen, ja müssen. Wir alle wollen unsere Familien und uns selbst stolz machen, den Menschen um uns herum etwas beweisen. Wir wollen keine Versager sein, den richtigen Weg wählen und Erfolg haben. Und deshalb setzen wir uns alle unter Druck.

Wie viele Jugendliche und junge Erwachsene liegen manchmal am Abend in ihren Betten und grübeln über ihre Zukunft, den Pfad, den sie einschlagen sollen, nach.  Welches meiner zahlreichen Interessen soll ich weiter verfolgen? Interessiere ich mich genug für das Fach? Bin ich gut genug dafür? Wie sehen meine Berufsaussichten damit aus? Werde ich ausreichend verdienen? Und ist der Beruf auch in der Gesellschaft angesehen? All das sind Fragen, die man sich früher noch nicht zu stellen hatte-sein Pfad war in einem gewissen Maße schon vorbestimmt, Zukunftsangst weit weniger bekannt. Die Generation unserer Eltern und Großeltern war die erste, die (mehr oder weniger) frei wählen konnte, was sie mit ihrem Leben anfangen wollte-was ja eigentlich eine tolle Sache ist. Aber damit kamen eben auch andere, neue Probleme, die ich oben schon beschrieben habe. In gewisser Weise wurde das Leben leichter, reicher an Möglichkeiten, gleichzeitig wahrscheinlich aber auch wesentlich komplizierter.

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Dies sind meine Gedanken zu diesem Thema. Vielleicht sollten wir aufhören, uns ständig alles kompliziert zu machen und zu viel nachzudenken, was andere über uns denken. Denn ich denke, dass nicht der angesehenste und bestbezahlte Posten uns glücklich machen wird, sondern ohne viel Grübeln und Sorge um die Zukunft leben zu können.

Befreite Grüße

Eure Ingrid

 

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