Ein Kribbeln steigt in mir auf, mir wird langsam wärmer und wärmer, bis ich mich schlussendlich richtig heiß fühle. “Ja genau, total”, sage ich, versuche, mir nichts anmerken zu lassen. Dabei fühle ich mich alles andere als wohl und würde mich am liebsten unbemerkt in Luft auflösen.

So ging es mir schon sehr oft, wenn ein Thema angesprochen wurde, mit dem ich mich überhaupt nicht identifizieren konnte oder wozu ich null Erfahrung hatte. Und ich denke, viele von euch werden dieses Gefühl nur zu gut kennen. Denn jeder hat etwas, worüber er nicht gern redet oder eine gesellschaftlich anerkannte Sache, welche er nicht ausstehen kann. Dieses Problem sehe ich als Teil des ständigen sich mit anderen Vergleichens, welches-besonders unter Mädchen-stattfindet.

Wir fühlen uns als junge Mädchen komisch und unwohl, wenn alle um uns herum bereits weiter entwickelt sind als wir, Brüste und Hüften bekommen und wir noch flach wie ein Brett sind. Wenn unsere Freunde bereits ihren ersten Kuss hatten und ständig darüber reden, während wir immer noch darauf warten. Wenn die Menschen um uns herum zu rauchen und trinken anfangen, und wir das nicht wollen oder es uns schlichtweg nicht schmeckt. Wir versuchen, das Thema zu umgehen, sobald es aufkommt, oder greifen auf Notlügen zurück, um uns zu rechtfertigen. Denn falls man die Wahrheit sagen würde, würde man (noch) komisch(er) angeschaut werden und-Gott behüte-die anderen könnten sogar über einen zu tuscheln beginnen. 

Blogbild

Dabei ist es in Ordnung, nein sogar toll, das wir alle verschieden sind. Keiner ist wie der andere, und dafür sollte man sich nicht schämen oder von den anderen verunsichern lassen. Ich esse lieber gesund und mache Sport, als mein Geld für Alkohol und Zigaretten auszugeben. Ich akzeptiere es, wenn andere Leute sich so entscheiden, da es ihr Leben ist. Aber wenn andere einen für seine “unkonventionellen” Entscheidungen schief anschauen, dann finde ich das traurig und sehr respektlos. Ja, vielleicht gibt es Menschen, denen das komplett egal wäre. Ich jedoch schaffe es nicht, so etwas komplett zu ignorieren, wenn jemand meine Haltung und meinen Lebensstil ablehnt. Denn seien wir mal ehrlich: Menschen sind soziale Wesen, die nach sich nach Einbindung und gesicherten sozialen Verhältnissen sehnen. Niemand mag es, das Gefühl zu haben, mit seinen Werten und Einstellungen allein auf dieser Welt zu sein, wir alle suchen nach anderen, mit denen wir unsere Gefühle und Gedanken teilen können, die uns verstehen und akzeptieren wie wir sind. Trotzdem bitte ich euch: Seid offen gegenüber anderen Leuten,  Kulturen, Denk- und Lebensweisen, verurteilt und verschließt euch nicht! Gleichzeitig sollt ihr euch aber nicht dazu gezwungen fühlen, euch zu verändern, um mehr der Norm zu entsprechen und nicht herauszustechen. Raucht nicht, wenn ihr es ekelhaft findet, besucht Kunstausstellungen, wenn es euch interessiert-selbst wenn es nicht “cool” ist und ihr bei anderen damit auf wenig Verständnis stoßt.

IMG_8953

Ich selbst habe (und mache es leider teilweise immer noch) manche meiner Hobbys verschwiegen, weil ich Angst hatte, deshalb für komisch gehalten zu werden. Auch habe ich viele Male probiert, mit in Clubs zu gehen, aber ich hatte einfach keinen Spaß dabei. Ich erinnere mich, einmal mit einer großen Gruppe von Leuten auf eine Hütte gefahren zu sein, wo sich diese total betranken und mich und ein paar wenige Freunde schief ansahen und über uns lästerten, weil wir am Tisch saßen und Uno spielten. Als wir dann gegen halb 2 in der Früh (was auch schon sehr spät für mich war) in unsere Betten gehen wollten und einige der Buben deshalb baten, unser Zimmer zu verlassen, begannen die zu stänkern, was wir nicht für langweilige Leute seien, die um diese Uhrzeit schon schlafen gingen-und waren dann keine halbe Stunde später selbst im Bett. Ich fühlte mich durch diese Vorfälle allerdings so unwohl, dass ich am nächsten Tag Bauchweh vortäuschte und verfrüht mit dem Zug Heim fuhr. Aber ich hätte es einfach keinen Tag länger dort ausgehalten, wo ich verurteilt und dadurch verunsichert wurde.

Sicher, während der Schulzeit kann man schwer seiner Gruppe, Klasse und Umgebung entfliehen und sie ignorieren-was auch der Grund dafür ist, dass es in Schulen zu besonders vielen Fällen von Mobbing kommt. Dabei ist es eine tolle und positive Sache, anders zu sein: Denn wenn die Welt aus lauter gleichen Menschen bestehen würde, mit den selben Gedanken, Ideen und Talenten, dann könnten wir keinen Fortschritt machen. Es ist unsere Individualität, die uns ausmacht und definiert, und für die sollten wir uns nicht schämen (müssen). Es ist nicht abnormal, sich mit 16 noch nicht so sehr für Jungs zu interessieren, am Wochenende lieber zu malen als auf Rockkonzerte zu gehen, klassische Musik zu mögen. Und wenn man mit einer Person eine gewisse Vertrauensbasis erreicht hat und mit ihr über tiefgründigere Themen redet, dann merkt man, dass viele vielleicht doch gar nicht so unterschiedlich von einem selbst sind, sondern sich in der Gruppe/Öffentlichkeit nur anders geben, um “cool” zu sein. 

IMG_9485
Ich wie ich bin-mit rotem Kopf, ohne Filter, unretuschiert

Ich kann euch an dieser Stelle nur noch einmal dazu ermutigen, zu euch selbst zu stehen. Denn nur so werdet ihr euch auf Dauer wohlfühlen und dies auch ausstrahlen. Positive vibes attract positive people. Nur so werdet ihr auch auf die Menschen treffen, die ihr in eurem Leben haben wollt. Wahrscheinlich kennt ihr das von anderen, dass man es irgendwie sofort spürt, wenn sich jemand verstellt und dadurch vorsichtig bei dieser Person wird. Wie sollen euch die Leute, die euch ähnlich sind, erkennen  und finden, wenn ihr vorgebt, jemand anderer zu sein? Ihr seht also, sich für andere zu verstellen ist wirklich kontraproduktiv, energieraubend und schlichtweg verschwendete Lebenszeit.

Daher bitte ich euch, einfach mal zu probieren, offen mit eurer Umwelt zu sein, zu sagen, wen euch eine Aktivität einfach nicht interessiert und zu euch zu stehen. Glaubt mir, die Resultate werden euch überraschen 🙂

Authentische Grüße

Eure Ingrid

Advertisements