“Tut mir Leid, ich bin ernähre mich paleo, ich esse das nicht, da ist Milch drin.”

“Für mich bitte nur einen Salat ohne Brotbeilage, am Abend verzichte ich auf Kohlenhydrate.”

“Ich lasse aus gesundheitlichen Gründen Gluten weg, also werde ich mir ein gluteisfreies Brötchen aus Reis- und Maismehl kaufen.”

Wer von uns hat Sätze wie diese nicht schon dutzende Male gehört? Gab es in früheren Dekaden immer nur jeweils einen Ernährungstrend wie etwa Trennkost, so kam es in den letzten Jahren, wahrscheinlich aufgrund von Social Media, zu einem nebeneinander Existieren verschiedener Diäten und Ernährungsweisen. Nun können junge Menschen mit nur einem Klick über verschiedene Ernährungsformen, die auf der ganzen Welt praktiziert werden, herausfinden. Doch leider sind die Meinungsführer und Aushängeschilder der neuen Trenddiäten zu einem Großteil keine Doktoren, die ihre Konzepte wissenschaftlich fundieren können. Stattdessen predigen unabhängige Fitness- Fernweh und Social Media Persönlichkeiten, was man essen sollte, wie viel davon und was man am besten weglassen sollte. 

Ich möchte hier keine Bildungsdiskussion beginnen oder behaupten, dass man ohne eine Ausbildung im Gesundheitswesen keine Ahnung von Ernährung hat, denn ich besitze dies ebenfalls nicht. Jedoch werden von den Befürwortern einer Ernährungsweise Fakten verdreht, Teile davon weggelassen oder manches schlichtweg frei erfunden. Wenn ein österreichischer Komiker in einem Buch sein Diätgeheimnis vorstellt, jeden zweiten Tag das Essen komplett wegzulassen und die Hälfte der Erwachsenen im Lande seinem Beispiel folgt, dann finde ich das äußerst fragwürdig. Besonders, wenn ich dann in der Radiosendung “Frühstück bei mir” Sätze wie “Wenn ich Hunger bekomme, dann gehe ich einfach spazieren. SO bin ich abgelenkt, verbrenne nebenbei Kalorien und der Hunger ist danach auch wieder vergangen” höre, dann schrillen bei mir persönlich die Alarmglocken: Ich will nicht wissen, wie viele Menschen sich diese Einstellung einprägen und dadurch in ein gestörtes Essverhalten rutschen. 

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Oder Gluten: Zahlreiche Food- und Fitnessblogger lassen dieses komplett weg, obwohl sie entweder gar keine Glutenintolleranz haben oder ihnen diese nicht offiziell diagnostiziert wurde. Soll ich euch etwas verraten? Glutenintolleranz ist keine Allergie, sondern eine Autoimmunerkrankung, und wenn jemand von diesen Leuten wirklich darunter leiden würde, dann hätte die Person das schon früher bemerkt. Ich kenne wirklich jemanden , der unter dieser Krankheit leidet. Und dieser Junge landete als kleines Kind, als er in der Krabbelgruppe vom Keks eines anderen Kindes naschte, in der Intensivstation des Krankenhauses. So sieht die Realität der Glutenintolleranz aus, es ist kein Ernährungstrend, mit dem herumzuspielen ist.

Ich muss zugeben, dass ich als Teenager, der gerade Instagram für sich entdeckt hatte, ebenfalls sehr unsicher war und mich von den Online-Vorbildern beeinflussen ließ. Ja, es gab auch für mich eine Zeit, in der ich fast schon “Angst” davor hatte, Kohlenhydrate zu mir zu nehmen, weil jeder sie so verteufelte. Es war mental eine große Überwindung für mich, sie wieder in meinen Speiseplan einzubauen. Aber wisst ihr was? An meiner Figur änderte sich nichts, ich hatte dafür aber wieder mehr Energie und war ernährungsmäßig bei weitem weniger eingeschränkt. Dadurch gewann ich eindeutig an Lebensqualität.

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Und dies ist auch der Grund, weshalb ich mich pflanzenbasiert und nicht vegan ernähre: Ich möchte mich nicht einschränken müssen und auf meinen Körper hören können, denn unser Körper ist klüger als wir denken, oft sogar klüger als unser mit Falschinformationen gefüttertes Hirn. In letzter Zeit verspürte ich starkes Verlangen nach salzigem, würzigenKäse, welches auch authentisch schmeckender veganer Käse nicht stillen konnte.  Also kaufte ich mir eine kleine Packung Cheddar aus biologischer Haltung. Ich weiß, umwelttechnisch betrachtet sicherlich nicht das beste und ich befürworte eine pflanzliche Ernährung auch weiterhin, aber in diesem Moment war der Käse (bzw. die darin enthaltenen Makro- und Mikronährstoffe) genau das, was mein Körper verlangte, und danach war das Verlangen auch komplett gestillt. Bin ich deswegen ein schlechter oder falscher Mensch? Nein. Ich bemühe mich mehr um die Umwelt als viele andere, fahre fast nur mit Zug, Fahrrad oder Öffis und bemühe mich um Mülltrennung. Aber ich tue das beste was ich kann, und das zählt.

Ernährung scheint in der immer weniger gläubigen westlichen Gesellschaft der neue Religionsersatz geworden zu sein: Menschen halten sich freiwillig an willkürlich erscheinende, dogmatische Regeln, verurteilen jene in ihrer Gruppe, die dies weniger “gut” oder “streng” praktizieren, wollen Argumente die nicht ihren eigenen Überzeugungen entsprechen gar nicht erst hören und liefern sich, besonders auf Social Media, hitzige Debatten mit den Anhängern anderer Ernährungsweisen. Wie viel Platz im Hirn vieler Menschen muss das Thema Ernährung, das immer komplizierter wird, heute einnehmen? Eine Freundin von mir, die Ernährungswissenschaften studiert, kann davon ein Lied singen: Sie berichtete mir, nachdem andere von ihrer Studienrichtung erfahren, immer nach ihrer Meinung zu bestimmten Lebensmitteln gefragt zu werden. Wenn sich ihre Antwort nicht mit deren Ansicht deckt, werden sie und ihre Auskunft mit Aussagen wie “Was lernt ihr denn in eurem Studium für einen Blödsinn” heruntergemacht. Denn das, was man nicht hören will, wird automatisch als falsch verworfen. 

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Daher appelliere ich an euch: Ihr seid mehr als nur eure Ernährungsweise! Identifiziert euch nicht zu sehr damit und macht eure Diät nicht zum Zentrum eures Lebens! Oder wollt ihr wirklich, wenn ihr mit 70 oder 80 Jahren auf Fotos eurer Jugend zurückschaut sagen müssen: “Die Hochzeitstorte meines Bruders habe ich nicht gegessen, weil es schon 19 Uhr war und ich um diese Zeit keine Kohlenhydrate mehr zu mir nehme. Sie hat aber echt lecker ausgesehen.” Oder “Meine Oma hat als Kind immer mit mir Kekse gebacken. Ich führte diese Tradition nicht fort, weil ich ja Paleo esse und kein Mehl oder keine Butter zu mir nehme.” Das wäre doch ein sehr trauriges Leben, oder? Ein Leben, ohne je richtig loslassen und leben zu können. 

Ich hoffe, euch mit diesem Post ein wenig zum Nachdenken gebracht zu haben. Falls ihr noch Gedanken zu diesem Thema habt, könnt ihr die gerne in den Kommentaren mit mir teilen.

Einen labelfreien Tag wünscht euch

Eure Ingrid

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