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Hallo meine Lieben!

Aus aktuellem Anlass veröffentliche ich diesen Beitrag. Vor ein paar Tagen traf ich mich mit einer meiner besten Freundinnen, die ich aus meiner Schulzeit kenne. Seit Jahren schon stehen wir uns sehr nahe und verstehen uns blendend. Da meine Freundin nach Graz gegangen ist, um Medizin zu studieren, sehen wir uns leider nicht mehr so oft wie früher, aber trotzdem schaffen wir es immer wieder, Zeit für ein Treffen zu finden.

Bei besagtem letzten Treffen erzählte sie mir von ihrem Studium und bald anstehenden Prüfungen, für die ich ihr bei unserer Verabschiedung viel Glück wünschte. Daraufhin bedankte sie sich und fragte, ob sie mir auch für eine baldige Prüfung die Daumen drücken solle. Ich sagte ihr, dass ich die jetzige Prüfungszeit erstmal hinter mir hätte und erst im Juni dann die großen Klausuren anständen. Da begann meine Freundin, in meinen Augen abschätzend, aufzulachen. “Das ist niedlich”, meinte sie (im oberösterreichischen O-Ton eigentlich “des is liab”), woraufhin ich mich damit rechtfertigen versuchte, dass ich diesen Monat an meiner Seminararbeit schreiben würde. Als ich ihr das Thema erläuterte, sah sie mich mit einem Blick an, der mir sagte, dass sie diese Arbeit (das Thema) genauso wenig ernst nahm und der Meinung war, dass das kein Studium/Studienthema ist.

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Ich möchte mich mit diesem Beitrag auf keinen Fall über meine Freundin beschweren, dieses Erlebnis stand für mich nur stellvertretend für viele Reaktionen, die ich in der Vergangenheit auf meine Studienwahl bekommen habe. Ich weiß nicht, wie viele Lacher, abschätzende Blicke und Kommentare wie “Das ist ja nichts gescheites” und “Wie willst du damit mal einen Job finden” ich schon geerntet habe. Sicherlich haben mich diese geärgert, doch wenn es von einer der Personen kommt, die dir am nächsten stehen, tut es besonders weh.

Nein, ich studiere nicht Medizin. Wenn ich es wollte, dann könnte ich es sicherlich, da meine Intelligenz dazu ausreichen würde. Aber würde es mich glücklich machen, mich erfüllen, meinen Talenten entsprechen? Nein. Meine Begabungen liegen in einem anderen, dem sprachlichen und geisteswissenschaftlichen Bereich. Einem Bereich, in dem weniger Menschen gebraucht werden als im medizinischen, der schlechter bezahlt ist und von der Gesellschaft weniger anerkannt wird. Ist mein Studium, mein Weg, mein Talent deshalb weniger wert? Ich antworte auch hier mit einem klaren “Nein”.

Ich finde es unfassbar traurig, dass es in unserer Gesellschaft für viele nur zwei anerkannte und erstrebenswerte Berufe (und dazugehörige Studien) zu geben scheint, nämlich Anwalt und Arzt. Das sind die beiden Berufsgruppen, zu denen aufgeschaut wird, die in Fernsehserien bevorzugt dargestellt und dabei nicht realitätsgetreu glamorisiert werden. Ja, diese Berufe sind wichtig für eine funktionierende Gesellschaft und ich möchte keinesfalls eine weitere Person sein, die das Bedürfnis verspürt, eine andere Gruppe zur Selbstaufwertung herunterzumachen. Es macht mich nur traurig zu sehen, wie viele junge Leute sich “der Vernunft (und den Anweisungen ihrer Eltern) beugen”, eine dieser sozial anerkannten Studienrichtungen wählen und sich lustlos und wenig erfolgreich durchs Studium schleppen. Natürlich muss man ein realistisches Zukunftsbild haben und wenn möglich einen Kurs in Rechnungswesen oder Buchhaltung als Erweiterungsfach wählen, um später berufsrelevante und nützliche Kenntnisse vorweisen zu können. Aber talentierte junge Menschen nicht in den Bereich gehen zu lassen, der sie wirklich interessiert und in welchem sie wirklich Talent haben, ist meiner Meinung nach nicht ok.

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Genauso wie ich es nicht ok finde, dass Menschen aus gewissen Studienrichtungen (Medizin, Jus/Jura) sich teilweise “besser” und allen anderen überlegen fühlen. Dieses Schema später wird von Personen hohen beruflichen Positionen weitergeführt. Doch warum? Um sich selbst aufzuwerten? Unsere Gesellschaft kann nur dann funktionieren, wenn Menschen in den verschiedensten Bereichen tätig sind. In einer Welt, die nur aus Anwälten und Ärzten besteht, würden diese kein Essen, keine Möbel, keine Computer und keine Praxis/Kanzlei haben. Wir brauchen auch die Jobs ganz dringend, auf die von sehr vielen herabgeschaut wird, wie Putzfrauen oder Müllmänner. Ich habe einen unheimlichen Respekt vor diesen Leuten, die sich für diese Arbeiten nicht “zu schade” sind und oft nicht besonders angenehme Berufskonditionen antreffen. Denn sehr häufig müssen sie den Müll und das Erbrochene der “ihnen überlegenen” zukünftigen Manager, Anwälte und Ärzte wegmachen, die eine wilde Party so zurücklassen, ohne nur einen Gedanken ans Aufräumen des Chaos zu denken. Und ja, solche Situationen habe ich schon zur Genüge miterlebt.

Und wenn diese Jobs, wenn einmal bekommen, so erstrebenswert und angesehen sind, man damit alles erreicht hat was man sich wünschen könnte, wie kann es dann sein, dass gerade im Management- und Anwaltsbereich besonders häufig Depressionen,  Burnouts & co auftreten? Ich kenne einige Anwälte persönlich, sogar sehr erfolgreiche. Wirklich glücklich mit seinem Leben ist von denen aber keiner. Denn ich sehe einen Zusammenhang zwischen dem Ausführen von nicht erfüllenden Berufen und der steigenden Anzahl an Depressionen. Selbstverständlich stresst es einen, wenn man tagtäglich mindestens ein Drittel seiner Zeit mit etwas verbringt, was einem nicht unbedingt gefällt, man aber “für das soziale Ansehen” tut. Das betrifft natürlich nicht alle, die in diesen Berufen tätig sind, gerade zum Mediziner fühlen sich im wahrsten Sinne des Wortes einige wirklich “berufen”. Ich habe nur schon oft mitbekommen, dass der berufliche Weg aus einer reinen Kopf- und Vernunftentscheidung heraus eingeschlagen wurde, was bei den Menschen zu Frustration und Abwertung der anderen Gruppen führte.

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Jeder von uns hat andere, individuelle Talente und Begabungen., und diese sollte man auch nutzen. Es kommt nicht darauf an, in welchem Bereich sie sich befinden, deswegen ist man weder besser oder schlechter als die anderen. Wie ein Spruch so schön sagt: Comparison is the thief of joy”- also wieso werten wir uns, unsere Fähigkeiten und Berufe gegenseitig ab, wenn wir uns ohne das so viel Drama und unglückliche Menschen ersparen könnten?

Ich hoffe ihr konntet euch vielleicht mit meinen Gedanken und Erlebnissen identifizieren. Ich wünsche euch auf jeden Fall noch einen passionserfüllten Mittwoch.

Eure Ingrid

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